Lieder einer Großstadt

Karin Kurzendörfer im Foyer der Kiste


Spätestens durch die TV-Serie „Babylon“ werden wir wieder daran erinnert, dass es im Berlin der 1920/30er Jahre gebrodelt hat – „in glamourösen Clubs, verruchten Spelunken, mit politischem Kabarett“. So wurde auch der Auftakt 2019 bei „Live in der Kiste“ angekündigt. Karin Kurzendörfer und Pianist Stephan Kaller tauchten ein in diese Welt und machten „Berlin – Lieder einer Großstadt“ zu einer intimen, doch nicht weniger ausdrucksstarken Chanson-Show.
Karin Kurzendörfer ist mehr als eine hervorragende Chansonsängerin. Sie ist ein begnadeter vokal-mimischer Irrwisch. Denn wie die gebürtige Berlinerin die Gnade ihres genetischen Erbes auf die Bühne bringt, diese unvergleichliche Berliner Mischung aus trockenem Witz, versteckter Herzlichkeit, fatalistisch-realistischem Blick auf das Rätsel Mensch – dies löste sie mit ihrem Programm wunderbar ein.
In Teil I wurde man mit den durchwegs nostalgischen Gefühlswellen der Hits aus Film und Kabarett bestens versorgt. Marlene Dietrichs „Blauer Engel, „Die fesche Lola / Ich bin von Kopf bis Fuß“ gingen natürlich in die Gehörgänge. Und sie brachte, fürs ältere Publikum zum hörbaren Mitsummen, die großen Lieder, vor allem Zarah Leanders Vokalblüten, tonschön, vertraut zu Gehör. Meist sind es Lieder aus berühmten Filmen, von denen Kurzendörfer nonchalant sagte, sie könnte man vergessen. Nicht aber „Kann denn Liebe Sünde sein / Bel Ami / Irgendwo auf der Welt- / Yess Sir“ usw…
Im 2. Teil hatte die Sängerin die Federboa in der Garderobe gelassen, es ging in Berliner „Hinterhöfe“, mit Kneipen, Bierzapferinnen, Dirnen, Volk und Männern. Und da riss mit Witz, Wort und Gesang eine Figuren- und Typen-Szenerie hin, dass man glaubte, Milieu-Zeichner Heinrich Zille hätte ein imaginäres Bühnenbild entworfen: „Ach Jott, wie sind die Männer dumm / Wegen Emil seine unanständje Lust / Anjebot ohne Nachfrage“, von „Wer schmeißt denn hier mit Lehm“ bis zum finalen Sozialereignis der „Hochzeit bei Zickenschulze“. Karin Kurzendörfer bot ein vokal-mimisches Gesamtkunstwerk, an dem der behende Pianist Kaller, „mein Herr Kapellmeister“, seinen enormen Anteil hatte. Zugabe: „Ach Egon“, dem Karin Kurzendörfer bis ins Publikum drastisch hinterhertorkelte.

Manfred Engelhardt Augsburger Allgemeine (23. 1. 2019)